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Versenkt ist versenkt – Sunken Costs Fallacy

Bereits getätigte Ausgaben, die nicht mehr beeinflusst werden können, sind versenkt (sunken). Es handelt sich um irreversible Kosten, die nicht rückgängig gemacht werden können. Nüchtern betrachtet, dürfen sie bei zukünftigen Entscheidungen keine Rolle spielen. Jedoch passiert dies immer wieder. Man sitzt einen Trugschluss (fallacy) auf, wenn man hofft, die Kosten zurückholen zu können.
Es ist menschlich, versenktes Geld bei bevorstehenden Entscheidungen mit einzubeziehen. Ganz nach dem Motto „Jetzt haben wir schon so viel ausgegeben …“.  Es ist jedoch ökonomisch nicht sinnvoll. Dieser Fehler passiert im Geschäftsumfeld genauso wie im Privatleben.
Ob die in der Vergangenheit getroffene Entscheidung falsch war, spielt keine Rolle. Die Sunken Cost Fallacy bezeichnet das zukünftige und gegenwärtige Berücksichtigen der versenkten Kosten. Dies ist der Fehler, der vermieden werden muss, um nicht noch mehr Geld zu versenken.
Dazu unten mehr, doch zunächst ein Beispiel für die Sunken Costs Fallacy.
Ein Unternehmen plant ein neues Produkt. Für die Planungsphase wird mit einer Million Euro gerechnet und für die Produktion der ersten Charge vier Millionen. Hinzu kommt ein Marketing-Budget von fünf Millionen Euro. Insgesamt entstehen 10 Millionen Euro Kosten. Dem gegenüber wird ein Umsatz von zwölf Millionen Euro erwartet. Bleiben zwei Millionen Euro Gewinn. Nachdem die Planungsphase um ist und eine Million ausgegeben, stellt sich heraus, dass die Rohstoffpreise angestiegen sind und die Produktion fünf Millionen Euro kosten wird, das ganze Projekt daher elf. Bleibt noch eine Million Erlös. Weiter geht’s, die Fertigung läuft an. Nach kurzer Zeit, es sind drei Millionen für Materialien und Aufwände aufgewendet, bietet ein Mitbewerber dasselbe Produkt für die Hälfte an. Der Geschäftsführer entscheidet weiterzumachen. „Wir haben bereits so viel Geld ausgegeben. Verkaufen wir es für den halben Preis und erhöhen das Marketing-Budget um eine Million, um den anderen nicht den Markt zu überlassen. So ist zumindest nicht alles in den Wind geblasen.“
Das ist natürlich dumm, denn vier Millionen sind bereits weg. Wird das Projekt weitergemacht, können sechs Millionen Euro umgesetzt werden. Dem stehen 12 Millionen Kosten gegenüber. Der Verlust liegt dann bei sechs Millionen Euro. Wird das Projekt sofort eingestellt, produziert man weniger Verluste. Zudem lassen sich die freigewordenen Ressourcen umgehend in lukrativere Maßnahmen stecken.

Alltagsfalle Sunken Costs Fallacy

Unrealistisch, dass so etwas passiert? Durchaus nicht. Es ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel, sowohl im Privatleben, als im Berufsleben. Auch wenn das Beispiel konstruiert wirkt (was es ist), entspricht es doch der Realität. Wir tappen regelmäßig in diese Falle und klammern uns öfters an versenkte Kosten, als uns bewusst ist.

Lese-Tipp  Buchtipp: The Underachiever's Manifesto

Überflüssige Gegenstände aussortieren

Beim Entrümpeln heißt es immer wieder: „Das hat so viel Geld gekostet, das kann ich jetzt nicht wegschmeißen (obwohl ich es noch nie benutzt habe und nie benutzen werde).“ Es ist jedoch unwesentlich, wie viel ausgegeben wurde, das Geld ist weg und das mit der Investition erhoffte Ziel wird so nicht erreicht. Jetzt ist es nur ein Gegenstand, der Platz wegnimmt, und ständig an eine sinnlose Anschaffung erinnert. Das Beste, was man damit machen kann, ist es wegzuschmeißen.

Kurz vor oder während einer Diät

„Ich hab‘ das ungesunde, dick machende Zeug schon gekauft, jetzt ess’ ich’s halt.“ Klingt vernünftig, denn es hat stets einen schlechten Beigeschmack etwas Essbares wegzuwerfen. Dennoch, wenn man sich entschieden hat, es nicht mehr zu essen, fängt man besser sofort damit an. Das Geld ist ohnehin ausgegeben und kommt nicht zurück.

Ein Buch lesen oder einen Film schauen, obwohl es keine Freude bringt

Nicht jedes Buch oder jeder Film, der eine 5-Sterne-Bewertung oder großartige Kritiken erhalten hat, muss gefallen. Dennoch quälen wir uns bis zum Ende durch. Nur, weil wir dafür bezahlt haben. Das Geld ist unwiederbringlich weg, da können wir zumindest versuchen, das Beste aus unserer Freizeit zu machen, indem wir etwas machen, was uns Spaß macht.

Ins Fitnessstudio gehen, obwohl es eine Qual ist

Sport soll ja gesund sein. Jedoch ist das Training an Geräten und mit Gewichten oder in Kursen nicht für jeden etwas. Nur hingehen, weil der Vertrag unterschrieben ist und monatlich Geld überwiesen wird? Das ist nicht sinnvoll. Wenn es keinen Spaß macht, geht man ohnehin nur unregelmäßig hin oder mit so wenig Engagement, dass es nichts bringt. Besser ist es, den Vertrag zu kündigen und seine Freizeit für etwas nutzen, wovon man profitiert.

Wie kommt es zur Sunken Costs Fallacy?

An versenkten Kosten festzuhalten, ist irrational und somit zutiefst menschlich. Man klammert sich nicht nur an das verlorene Geld, sondern auch an Hoffnungen. Mit jeder Investition hofft man auf Wohlstand, Erfolg, Besserungen von Lebensumständen oder ein bisschen Spaß. Anzuerkennen, dass sich die Geldausgabe nicht lohnt, bedeutet auch die Hoffnung aufzugeben. Dies macht es noch beschwerlicher, sich zu trennen. Die Erkenntnis, dass wir nichts zurück bekommen (Gesundheit, besseres Aussehen, Unterhaltung oder finanzieller Gewinn) ist frustrierend. Deswegen fällt es so schwer, sich davon zu verabschieden.

Lese-Tipp  Agiles Projekt-Management

Wege aus der Sunken Cost Fallacy – versenkte Kosten als Chance

An etwas fest zu halten, wovon man sich verabschieden sollte, ist belastend. Ständig kreisen die Gedanken um die versenkten Kosten. Man kann nichts anderes denken. Lässt man es hingegen los, ist es befreiend. Durch das bewusste Aufgeben wird man wieder handlungsfähig.

Kann den Besten passieren

In die Sunken Costs Fallacy tappen viele, vermeintlich rational handelnde Geschäftsleute, genauso wie an Lebensweisheit reiche ältere Zeitgenossen und supersmarte Teens. Es kommt häufig vor, sonst hätte es nicht einen eigenen Namen bekommen. Einfach mal Sunken Cost Fallacy googlen, derzeit gibt es rund 53.000 Suchergebnisse. Es passiert und wird immer wieder passieren. Je weniger wir uns deswegen aufregen, desto eher können wir das einzig Richtige machen: Akzeptieren, dass es keinen Sinn macht, an der Investition festzuhalten.

Daraus lernen

Es war ein Fehler, durch den das Geld versenkt wurde. Doch Fehler sind nicht schlimm. Sie sind vielmehr dafür da, dass wir daraus lernen. Weitaus schlimmer ist es, nicht aus seinen Fehlern zu lernen. Wird das Zustandekommen der fehlerhaften Investition analysiert, entsteht ein echter Erkenntnisgewinn. Somit wird es zu einer wertvollen Erfahrung und damit lohnt sich auch die vermeintlich falsche Geldausgabe.

Zeit und Energie besser nutzen

Das Leben ist zu kurz, als sich über Vergangenes aufzuregen. Die Kosten sind versenkt und kommen nicht mehr zurück. Sich darüber aufregen, bringt nichts und kostet nur Kraft und Lebenseit. Also: Abhaken und weiter geht’s.

Versenkte Kosten im Berufsleben

Während es im Privatleben eher akzeptiert wird, dass Gelder versenkt wurden, fällt es im Berufsleben oftmals schwerer. Dies muss dem Vorgesetzten erklärt werden, der einem vielleicht vorwirft, einen Fehler gemacht zu haben. Egal, was die Ursache war. Schon ist der Bonus (oder der Job) weg. Dennoch: Es ist unprofessionell, ein gescheitertes Projekt weiterzumachen. Es ist hingegen professionell, ein Scheitern frühzeitig zu erkennen und den Schaden möglichst zu begrenzen.