Warum Minimalisten die besseren Sammler sind?

Entweder du bist Sammler oder Minimalist. Entweder du liebst Dinge oder du liebst Entrümpeln. Doch was, wenn sich die Gegensätze verbinden lassen? Und Minimalisten vielleicht sogar die besseren Sammler sind?

Minimalismus und Sammeln

Geht nicht. Ist es doch das Ziel des Minimalismus alles Überflüssige loszuwerden. Und sind wir mal ehrlich: Die meisten Sammlungen bestehen aus überschüssigen und wertlosen Dingen, aufgeladen mit gefühlsduseligen Erinnerungen, die mehr Belastung als Bereicherung sind.

Trennen ist schwer

Doch Trennen ist oftmals eine echte Herausforderung. Schon wegen der emotionalen Beziehungen, die wir zu dem Plunder aufgebaut haben. Wer kann sich ein Leben so ganz ohne Erinnerungsstücke und Lieblings-Dinge vorstellen? Was tun? Kaltherzig entrümpeln oder nostalgisch-verklärt horten?

Gibt es einen Kompromiss?

Lassen sich Minimalismus und Sammeln vielleicht verbinden? Können Minimalisten die besseren Sammler sein? Oder befinden sie sich schlichtweg auf einem Irrweg?

Die Liebe zum “Krempel”

“Wir sollten unseren Krempel lieben”, fordert Lee Randall in der Januar-Ausgabe des Geo-Magazins. Krempel lieben? Da zieht sich dem Minimalisten alles zusammen. Wir lieben Partner, Eltern, Kinder, Freunde und vielleicht noch uns selbst, aber “Krempel”?

Dinge als Identitätsstifter

So abwegig ist es nicht, denn, “wir finden uns selbst in den Dingen, mit denen wir uns umgeben”, wie Randall meint. Ihrer Ansicht nach erschaffen Besitztümer Identität und sind Ausdruck eigener Werte und Erinnerungen. Schaffen wir unsere Sachen ab, so schaffen wir uns auch selbst ab. Zumindest wenn man Randalls Sichtweise folgt.

Die Dinge manifestieren unsere Persönlichkeit

Indem wir mit Dingen eine Beziehung eingehen, mit ihnen interagieren und sie vorzeigen, präsentieren sie auch immer etwas von uns. Diese Gegenstände drücken Stolz aus, über uns selbst, über Erreichtes und kommunizieren so Werte. Trennen wir uns radikal von Besitz, so verabschieden wir uns auch von Teilen der eigenen Persönlichkeit, Vergangenheit, Wünschen und Idealen.

Ähnliches schreibt Linda Tutmann auf Zeit Online “Wer nichts besitzt, offenbart seine Beziehungsunfähigkeit”. Auch für sie ist Besitz Ausdruck von uns selbst und und unseren Erlebnissen. Kein Wunder, dass auch sie Minimalismus kritisch gegenüber steht, und ihm vielmehr als eine extreme Form des Konsums sieht:

Wer Monate damit zubringt, die eine einzige Designerlampe für sein kahles Wohnzimmer auszusuchen, und dafür dann am Ende mehr bezahlt als ich für alle meine Möbel zusammen, übt keinen Verzicht. Was als Askese daherkommt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Superlativ des Konsums.

Irren die Minimalisten?

Da haben wir es wieder: Minimalismus als Sport. Haben Randall und Tutmann mit ihrer Minimalismus-Kritik also Recht? Laufen Minimalisten Gefahr, mit ihren materiellen Besitztümern gleich auch ihre Persönlichkeit zu entrümpeln?

Lese-Tipp:  Minimalismus - Durchstarten mit Entrümpeln

Achtung! Extreme Überzeichnung

Ja und Nein. Auch wenn beide in vielen Punkten durchaus recht haben, machen Sie jedoch vor allem eins: Sie überspitzen. Ihre Beispiele sind extrem und schaffen ein verzerrtes Bild minimalistischen Lebens. Bei Ihnen reduzieren Minimalisten stets bis ans Limit des Machbaren, um dann buchstäblich vor dem Nichts zu stehen.

Dass Minimalismus kein Sport ist, bei dem der gewinnt, wer am Ende nichts mehr besitzt, habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben. Denn beim Minimalismus geht es nicht um das Entrümpeln nur um des Entrümpeln Willens.

Minimalisten sind Menschen wie du und ich

Es wird sie sicherlich auch geben, diese extremen Minimalisten. Doch aus meiner Erfahrung ist für die Meisten Minimalismus vor allem eine bewusste Auseinandersetzung mit Besitz und Konsum. Wahrscheinlich gibt es auch Phasen des radikalen Entrümpeln, doch in den vielen Fällen ist minimalistisches Leben weitaus weniger extrem als die Autorinnen es darstellen.

Extreme schaden

Und das ist auch gut so. Denn Extreme bringen mehr Schaden als Nutzen. Dies gilt für radikale Minimalisten wie für Sammler. Während der eine keinen Besitz mehr hat, in dem er sich wiederfindet, hat der andere so viel, dass er nicht mehr zwischen wertvoll und wertlos unterscheiden kann. Auf beide Weisen verlieren sie sich in der Haltung zu Ihrem Eigentum.

Zu viel ist schlecht. Dies gilt für Minimalismus wie für Dinge.

Das Beste aus beiden Welten

Besser ist es die Extreme zu meiden und stattdessen das Beste aus beiden Welten zu verbinden: Eine Reduktion auf das, was uns wirklich etwas bedeutet.

Nur behalten, was man liebt

Die japanische Ordnungsberaterin Marie Kondō empfiehlt, nur Dinge zu behalten, die glücklich machen. Ihr Wert leitet sich somit nicht aus ihrem materiellen Wert ab, sondern aus der Beziehung, die wir mit ihnen eingehen. Darin unterscheidet sie sich nicht von Lee Randall. Denn auch ihr geht es vor allem um den ideellen Wert von Dingen.

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Reduktion als Chance

Doch während Randall und Tutmann befürchten, dass durch den Minimalismus am Ende auch die Persönlichkeit verschwindet, sieht Kondō in der Reduktion eine große Chance. Nämlich durch die Konzentration auf das Wesentliche die eigene Persönlichkeit zu stärken.

Minimalismus bedeutet: Die richtigen Fragen stellen

Minimalismus zwingt uns zu einer Auseinandersetzung mit unseren Besitztümern. Indem wir überhaupt die Idee des Entrümpeln ins Auge fassen, müssen wir uns fragen, was bleiben und was gehen soll. Ansätze wie Marie Kondōs Magic Cleaning helfen mit den passenden Fragestellungen. Eben nicht “Wie viel hat das gekostet?” oder “Kann ich das noch gebrauchen?”, sondern vielmehr “Macht es mich glücklich?” oder “Fühlt es sich gut an, es in der Hand zu haben?”.

Praktische Dinge tragen zu unserem Wohlbefinden bei

Auch wenn die meisten Dinge einen praktischen Nutzen haben, sind derart gefühlsduselige Fragen nötig. Denn auch seelenlose Alltagsgegenstände tragen massiv zum Wohlbefinden bei. Indem sie ihren Zweck erfüllen, zuverlässig und so, wie wir es uns erwünscht haben, als wir sie gekauft haben. Ein Gerät, dessen Gebrauch Freude bereitet, kann uns schon etwas glücklicher machen.

Sammlungen machen uns glücklicher

Das Gleiche trifft auf eine Sammlung zu. Weil dies keine Dinge sind, die uns den Alltag erleichtern, ist es um so bedeutender, dass sie zum Wohlbefinden beitragen. Denn sonst haben sie keine Aufgabe. Wir sammeln Dinge, um uns an Ihnen zu erfreuen, oder wie Randall meint, um uns unserer Selbst zu versichern. Eine Sammlung soll etwas von uns sein und so ein Stück Identität darstellen.

Voraussetzung: Konkret werden

Anstatt wahllos alles aufzuheben, was wir jemals besessen haben, alles zu sammeln, was wir irgendwie mit uns selbst verbinden, bringt es mehr, wenn wir konkret werden. Also Bedeutungsloses von Bedeutsamen unterscheiden. Und genau darum geht es beim Minimalismus.

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Nicht alles, was irgendwo rumsteht, was wir geerbt haben, hat eine echte Bedeutung für uns. Doch allzu oft ist uns dies nicht bewusst. Denn viele Dinge machen vor allem eins: Sie verstellen den Blick.

Minimalismus – der Unterschied zwischen Sammeln und Horten

Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, ideelle Werte von materiellen abzugrenzen, ist nicht so leicht. Doch es ist Voraussetzung, damit wir uns mit Dingen umgeben können, die uns etwas bedeuten und in denen wir uns wiederfinden. Gelingt es nicht, ist es kein Sammeln, sondern nur wahlloses Horten.

Ein minimalistischer Ansatz hilft durch bewusstes Entrümpeln und Hinterfragen nur das zu Sammeln, was das Leben bereichert. Wenn wir uns mit einigen wenigen Dingen, in denen wir uns selbst wiederfinden, umgeben, so bringt es uns mehr als jede willkürliche Ansammlung von vermeintlichen Erinnerungsstücken.

Der Weg zu dem Besitz, der unserer Persönlichkeit Ausdruck verleiht, führt nur über eine bewusste Auseinandersetzung mit ihm.

Ein Minimalist ist letztendlich ein Sammler von Dingen, die ihn glücklich machen. Ohne Ballast, der diesem Glück im Wege stehen könnte.

Zusammenfassung

Dinge machen uns glücklich, sie sind ein Ausdruck unserer Persönlichkeit. Dabei ist es gleich, ob sie einen ideellen oder praktischen Nutzen haben. Daher ist ein radikaler Minimalismus, bei dem rücksichtslos entrümpelt wird, nicht sinnvoll. Besitzen wir hingegen zu viel, können wir nicht mehr zwischen Überflüssigem und Wertvollem unterscheiden. Wir verlieren uns in Dingen. Davor kann uns Minimalismus bewahren. Indem er uns zu einer bewussten Auseinandersetzung mit Besitz bringt und so hilft, das Richtige zu sammeln. So sind Minimalismus und Sammeln keine Gegenpole. Vielmehr können sie gut harmonieren und dank der Konzentration auf das Wesentliche sind Minimalisten oftmals die besseren Sammler.

tl;dr

Minimalistisch Sammeln bedeutet, nur Wertvolles und Bedeutsames aufzuheben. So macht uns Minimalismus zum besseren Sammler.

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